Erste Seiten

Alles beginnt mit einer Idee, einem Wort... einer Silbe.

Diese Silben widmen sich ganz den Ersten Seiten. All jenen Seiten, die noch nicht die Gelegenheit hatten, zu einer Geschichte heranzuwachsen. Sie werden geboren aus einer Idee, sie sprießen aus dem ersten Wort und sie alle beginnen mit einer Silbe.

 

Die Geschichtenerzählerin

Mit dem Wind drangen laut geflüsterte Worte durch die morschen Wände der alten Holzhütte. Die Flammen in der Feuerstelle taten ihr Bestes um gegen die Kälte des schon recht alten Winters anzukämpfen. Ein Seufzen drang über spröde Lippen und der Schaukelstuhl knarrte, als die Gestalt darin sich aufrichtete. Scheinbar mürrisch neigte sich der Kopf zur Tür und lauschte. 

"Ob sie da ist?" 

"Bestimmt. Sie ist doch immer da." 

"Klopf doch mal!" 

"Mach du das doch! Ich hab' letztes mal geklopft!" 

Wieder ein Seufzen. Die Gestalt erhob sich langsam und mit Bedacht. Knochen knirschten und Gelenke knackten und übertönten das Rascheln von mehreren Lagen groben Stoffes. Schwer auf einen Stock gestützt schlurfte die Gestalt zur Tür. Einen weiteren Seufzer später wurde ein Riegel zur Seite geschoben und eine Tür geöffnet. 

Die kleinen Menschen davor hielten mitten im Satz inne und die streitverzerrten Gesichter zerliefen zu erschrockenen Mienen. Nach Art der Fische wurden Münder geöffnet und geschlossen ohne dass ein Laut ertönte. 

Kurz verspürte die Gestalt das Bedürfnis zu Kichern, unterließ es aber zugunsten eines eindrucksvolleren Auftretens. 

"Was wollt ihr schon wieder?", knarzte sie stattdessen abweisend. 

Die Kleinen tauschten panisch Blicke und nach stummer Übereinstimmung wurde ein Menschlein vorgeschoben. Stolpernd kam es direkt vor dem zerfransten Rocksaum zum Stehen. 

Ein stummer Hilferuf über die Schulter brachte den Rest der Gruppe nur dazu, einen Schritt zurückzuweichen. Langsam sahen die jungen Augen in die vom Alter verhangenen der Gestalt. 

"Wir wollen... bitte...", begann es und verstummte. Leise, kaum zu hören, setzte es wieder an. "..eine Geschichte?" 

Nun verzogen sich die Lippen doch zu einem faltigen Lächeln, das die wahre Natur der Gestalt viel besser einzufangen vermochte. 

"Eine Geschichte, so so... Warum sollte ich? Das Erzählen strengt meine Zunge an und macht meine Stimme brüchig." 

Von dem Lächeln ermutigt straffte das Menschlein die Schultern. "Wir haben Gebäck mitgebracht. Ganz, ganz weiches!", sagte es und dachte an das nahezu zahnlose Lächeln der Gestalt. Die anderen Menschlein traten vorsichtig näher heran. Die Gestalt konnte das hoffnungsvolle Leuchten in ihren Augen beinahe hören. 

"Kommt herein." 

 

Die Hütte wurde nach und nach von den dicht gedrängten Leibern erwärmt und eine erwartungsvolle Stille hing in der Luft. Nur das Schmatzen der Gestalt war zu hören. Krümel verfingen sich in grau dünnem Haar. 

Eine Kleine wollte etwas sagen, doch ein Stoß in die Rippen ließ sie schweigen. 

Als der Korb vollständig geleert war, hielten die Kinder die Luft an. 

"Nun, habt ihr an eine bestimmte Geschichte gedacht?" 

Sofort sprachen viele Stimmen gleichzeitig. 

"Die von Knecht Rouven, oder wie der heißt!" 

"Etwas über die Halbmenschen, bitte, bitte!" 

"Nein, der magische Schmied!" 

Doch eine Stimme klang über die anderen hinweg: "Ich möchte die Geschichte von Mar dem Magier hören!" 

"Ja! Der Magier!", ertönte es zustimmend. "Mein Pa hat mir erzählt, dass er alleine hundert Krieger besiegt hat. Auf einmal!" 

"Nein. Das waren tausend!" 

"Und er ist einmal um die ganze Welt gereist!" 

Einen Moment sammelte sich die Gestalt. Sich bei diesen ungeheuerlichen Aussagen zurückzuhalten, fiel ihr immer noch, nach all diesen Jahren, sehr schwer. 

Als sie sprach, verstummten die Menschlein abrupt. "Der Magier. Aha. Immer wieder bin ich erstaunt, wie schwer es den Menschen fällt, ihre Legenden nicht in Lügen zu verwandeln. Jede Generation fügt ihre eigene Schwindelei hinzu. Ihr solltet froh sein, dass ihr mich habt, meine Kinder. Aber ich warne euch!" Die Gestalt hob mahnend einen Finger. "Ich warne euch, wenn ihr meine Erzählungen nicht richtig weitergebt, dann sollen euch die Gottheiten, an welche auch immer ihr glauben mögt, mit Stummheit bestrafen. Habt ihr mich verstanden?" 

Hastig gemurmelte Zustimmung. 

Zufrieden lehnte sich die Gestalt im Schaukelstuhl nach hinten und wippte gemächlich vor und zurück. Vor und zurück. Zurück und vor. "Gut.", seufzte sie. "Gut. Ich werde ganz am Anfang von Seykaras Geschichte beginnen." 

"Seykara? Aber-" 

"Schweig still, Kind! Ohne Seykara hätte es den großen Magier gar nicht geben können. Mein Kopf ist noch nicht wirr und meine Erinnerungen sind klar! Ich beginne mit Seykaras Geschichte." 

Langsam beruhigte sich die Gestalt wieder. Augen, schon so lange erblindet, dass sich auch die dicksten Bäume nicht mehr an ihre Lebendigkeit zu erinnern vermochten, begannen zu sehen, fast taube Ohren begannen zu zu hören, eine trockene Zunge begann zu schmecken. Und dann fühlten faltige Hände den Wind zwischen knotigen Fingern. Vor den Kinderaugen begann die alte Frau sich zu verändern. Nicht äußerlich, sondern innerlich. Ihr Geist entschwand, die Lippen teilten sich und die Stimme der Vergangenheit floss aus ihnen hinaus. 

Die Silbenspinnerin

Hunger

Menschen zogen vorbei. Früher einmal hatte er so etwas wie Wohlwollen für sie empfunden. Jedenfalls glaubte er das. Doch heute empfand er an guten Tagen bestenfalls Gleichgültigkeit, Hunger an schlechten. Heute war ein schlechter Tag. Er versuchte sich zu erinnern, den Drang zu unterdrücken. Mitgefühl. Ja. So wurde es genannt. Empathie. Nur leere Worte für ihn. Er war immer mehr eine Hülle geworden. Er hatte den Überblick darüber verloren, zu welchen Gefühlen er noch fähig war. Er hätte es sich aufschreiben sollen. Er wusste ja noch nicht einmal mehr, wie oft er mittlerweile verhandelt hatte. Vier mal? Sechs? Welche Gefühle waren ihm genommen worden und welche lediglich durch Einsamkeit, Schuld und Scham betäubt? Er schüttelte den Kopf. Schwarze Strähnen fielen ihm in sein Gesicht. Es war nichtig darüber nachzudenken. Was nicht da war, musste ihn auch nicht kümmern.

Eine Frau lief dicht an der Gasse vorbei, in der er sich verkrochen hatte. Sie war in lange Gewänder gehüllt, so wie es bei den Reichen üblich war, die Haare zu einer komplizierten Frisur aufgesteckt, die Lippen rot, die Haut makellos geschminkt. Doch ihr Äußeres interessierte ihn nicht. Sie roch. Nach Blut, nach Leben, nach Gefühlen. Nach allem, was er nicht mehr besaß, vielleicht nie besessen hatte. Ohne es zu wollen und es eigentlich doch zu wollen streckte er die Hand aus, griff in den bunten Stoff und zog die Frau in die Gasse hinein.

Ihr Schrei erschallte nur kurz und verhallte unbemerkt.

Die Silbenspinnerin